Schwarzes erhabenes Fahrgefühl oder leichtfüßiges Cruisen?

Hendrik Gienow liebt Gegensätze. Je größer, je besser. Da verwundert es nicht, dass er sich zwei Oldtimer ausgesucht hat, die von ihren Unterschieden leben. Oder besser: Dass diese Oldtimer sich ihn ausgesucht haben. Aber erzählen wir der Reihe nach.

Hendrik Gienows Oldtimergeschichte nimmt ihren Lauf in einer Garage. Vollgestopft mit Weinkisten, rumpeligen Kartons, Möbeln, Fahrrädern und Schichten von Staub. Und natürlich Erinnerungen. Vielen Erinnerungen.
Sie führen uns dorthin, wo vor über 40 Jahren ein Oldtimer und eine Frau, die nicht wusste, dass sie einen haben will, zum ersten Mal aufeinandertrafen.

Alles begann in einem schäbigen Café in einem abgelegenen Winkel im Norden von Deutschland, in das sich ein Mann und eine Frau zufällig verirrt hatten. Ein Blick. Noch einer, länger diesmal. Dann ein Lächeln. Verstohlen erst, schließlich selbstsicherer. Und dann? Das Übliche: Zusammenkommen. Heiraten. Zusammenleben.

Am 10. Hochzeitstag begegnen sich Mensch und Maschine dann zum ersten Mal: Eine Frau hört das schnurrende Motorengeräusch, sieht die dunkelroten Ledersitze und den elfenbeinweißen Lack eines Mercedes-Benz 230 SL, ein Geschenk ihres Mannes. Und verliebt sich. Unsterblich, denn sie gibt die Liebe zu ihrem Oldtimer weiter an ihren Sohn Hendrik.

Als sie stirbt, ist sie 88 Jahre alt. Drei Jahrzehnte Fahrleidenschaft verbinden sie mit ihrer Pagode.
Drei Jahrzehnte voller bewusster, ehrlicher Fahrmomente, die ihre Spuren im noblen Blechkleid, in den dunklen Ledersitzen und auf dem schwarzen Autodach hinterlassen haben: Der Duft von Andalusien auf der Fahrerseite – würzig, feucht, sonnendurchtränkt – mit den Erinnerungen an imposante Castillos, sattgrüne Hügel und dem Geruch nach Meer.

Auf dem Beifahrersitz Paris – chic, verführerisch und mit einem Hang zum Gekünstelten. Auch Hamburg darf nicht fehlen – distinguiert und ein bisschen unterkühlt wie das tiefschwarze Dach des Cabriolets. Und natürlich die vielen gewundenen Dörfer im Hochtaunus und Odenwald, deren entrückte kleine Welten sich in das Profil der Reifen eingegraben haben wie schrullige alte Freunde.

 

Hendrik Gienow und sein Mercedes-Benz 230 SL-Cabriolet.

Hendrik Gienow und sein Mercedes-Benz 230 SL-Cabriolet.

All diese Erinnerungen, Gerüche, Farben und Formen lagerten sich in die Pagode ein. Warteten darauf, dass jemand kam, der sie ans Tageslicht holte. Der die alten Geschichten wachrüttelte und neue hinzufügte. Am 15. März 2013 war es dann soweit: Hendrik Gienow betrat die Garage. Seine Mutter starb zwei Monate zuvor und er regelte ihren Nachlass. Den ersten Anblick des Cabriolets hat Gienow in keiner schönen Erinnerung. Kein freudiges Herzklopfen wie bei seiner Mutter. Kein Vibrieren der Nerven bei dem Gedanken an leichtfüßiges Cruisen durch Ungesehenes. Hendrik Gienow sah nur Staub. Schichten von Staub, die den elfenbeinweißen Lack des Cabriolets verunstalteten. Rost, der das ehemals edle Blechdach Zentimeter um Zentimeter überzogen hatte. 15 Jahre wurde die Pagode nicht bewegt. Ein Wunder, dass der Motor anstandslos ansprang. Ebenso, dass Hendrik Gienow die Fahrt von Düsseldorf nach Frankfurt am Main unbeschadet überstand. Der SL schaffte die Strecke mit letzter Kraft. Dann beschloss die Benzinpumpe den Dienst zu quittieren. Und im selben Moment erwachte Hendrik Gienows Liebe zu alten Motoren und ihren reinen Motorenklängen. Erwachte blubbernd und explosiv wie klackernde Ventile, wenn sich ein hochverdichtetes Benzin-Luft-Gemisch verwandelt in pure Kraft.

Drei Jahre sind seitdem vergangen und die Pagode erstrahlt wieder im neuen alten Glanz. Die fachmännische Restaurationsarbeit der Klassik Garage Kronberg hat ganze Arbeit geleistet: Jeder Quadratzentimeter Leder und jeder Quadratzentimeter Lack wurde sorgfältig erneuert, die Karosserie komplett restauriert und in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. Und Hendrik Gienows Oldtimer-Leidenschaft verlangte nach mehr. Zu seiner Pagode hat sich inzwischen ein weiterer Oldtimer hinzugesellt. Getreu dem Slogan „Das Beste oder nichts“ wieder ein Mercedes-Benz.

Hendrik Gienow auf Spritztour mit seinem Cabriolet.

Hendrik Gienow auf Spritztour mit seinem Cabriolet.

Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: „Erfahrene Bastler und Oldtimersammler hatten mich gleich gewarnt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein zweiter Oldtimer nach mir ruft.“ Ein Blick in Hendrik Gienows Garage lässt keinen Zweifel aufkommen: Es war ein sehr lauter Ruf – röhrend, markig und mit einem fordernden Unterton. Nicht zu vergleichen mit dem schnurrend-unaufdringlichen, beinahe höflichen Brummen der Pagode, die erst nach Henrik Gienows Mutter und dann nach ihm selbst rief. Eleganz kann man diesem zweiten Oldtimer aber nicht absprechen. Und auch nicht fehlendes Geschichtsbewusstsein, denn immerhin hat kein geringerer als der erste deutsche Bundeskanzler ihn als Dienstwagen auserkoren. Ganz recht: In Hendrik Gienows Garage steht ein schwarzer Mercedes-Benz 300 d, Baujahr 1958, direkt neben einem weißen Mercedes-Benz 230 SL, Baujahr 1964. Seite an Seite stehen diese Schönheiten nebeneinander, der große Mercedes neben dem kleinen. Gemessen. Selbstverständlich. In sich ruhend. Beide sich ihrer ganz eigenen Wirkung auf den Betrachter bewusst. Hier trifft Noblesse auf Raffinesse. Trifft Weltgeschichte auf persönliche Geschichte. Messen sich 160 PS und 3 Liter Hubraum mit 150 PS und 2,3 Liter Hubraum. Was für andere Oldtimerliebhaber ein Tabu ist, setzt Gienow genüsslich in Szene. Ein unerschütterliches Ja zu zwei Fahrwelten, die niemals Best Buddies werden: Das angenehm Distinguierte für den Mann von Welt mit Hang zum Verwegenen – das leichtfüßige Cruisen für das Weiche, Unaufdringliche im Mann.

Schicker Zweitwagen, der Mercedes-Benz 300 d, Baujahr 1958.

Schicker Zweitwagen, der Mercedes-Benz 300 d, Baujahr 1958.

Wie kam Hendrik Gienow auf seinen edlen Adenauer-Mercedes? Wie bei jeder guten Oldtimergeschichte: Auf einem beschwerlichen Weg, der ihn an vielen mangelhaften Oldtimern vorbei bis zu dem einen, zweiten führte, der auf ihn wartete. Dieses Mal in einer Scheune in Paderborn. Verglichen mit der Pagode war der Mercedes 300 in einem viel besseren Zustand.

Und das, obwohl er doppelt so lange wie das Cabriolet kein Tageslicht sah und ihm kein Fahrtwind um die blecherne Haube wehte. Er trägt sogar noch den originalen schwarzen Lack wie bei seiner Auslieferung an einen Kaufmann in Paris vor 58 Jahren. Nachdem der Franzose das Fahrzeug zehn Jahre lang gefahren hatte, gelangte die Limousine 2005 in den Besitz eines Unternehmers in Paderborn. Nach dessen Tod verkauften die Erben das Kanzler-Auto an einen Sammler in Langen, der dem ehrwürdigen Fahrzeug neues beigefarbenes Leder spendierte.

Heute, nach einer liebevollen Politur von Hand, der Reparatur des Getriebes, der Lichtmaschine und vielen weiteren Restaurationsarbeiten in der Klassik Garage Kronberg, wird der große Mercedes seinem Ruf als erster deutscher Repräsentationslimousine nach dem Zweiten Weltkrieg wieder gerecht. Kein modernes Fahrzeug kann sich mit der würdevollen Eleganz messen, die er ausstrahlt.

Bleibt noch die letzte schwelende Frage: Welcher Mercedes für welchen Anlass? Klare Sache: den kleinen bei jeder Jahreszeit. Mit ihm wird die Fahrt ins Büro für Hendrik Gienow zum reinen Vergnügen, ganz egal, was auf der Tagesordnung steht. „Natürlich denke ich immer, wenn ich das Cabriolet sehe, auch an meine Mutter, und ich bin dankbar, dass sie sich damals nicht wie alle anderen nach ein paar Jahren ein neues Auto zugelegt hat.“ Und den großen? „Ein Ausflug im 300-er ist die beste Methode der Entschleunigung, befreit mich von Kummer und Sorgen und weckt meinen Abenteuergeist.“ Reines Cruisevergnügen auf der einen, Abenteuergeist auf der anderen Seite – in Hendrik Gienow verschmelzen diese Gegensätze zu einer wunderbaren Einheit. Da bleibt uns nur noch eins zu sagen: „Jeben Se Jas!“

Stolze Teilnehmer unserer letzten Klassik Tour Kronberg: Hendrik Gienow und sein SL-Cabriolet.

Stolze Teilnehmer unserer letzten Klassik Tour Kronberg: Hendrik Gienow und sein SL-Cabriolet.