Vom Vertriebler zum Oldtimer-Mechaniker:
Clemens Jeßberger im Interview

Clemens Jeßberger (30) hat seinen sicheren Vertriebsjob aufgegeben und mit einer Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in der Klassik Garage Kronberg nochmal bei Null angefangen, um seiner Leidenschaft für alte Autos zu folgen. Nun hat er gerade im Anschluss noch seine Meisterprüfung draufgesetzt! Wie es dazu kam, erzählt er uns im Interview.


Klassik Garage Kronberg: Du hast deinen sicheren Job aufgegeben, um hier in der Klassik Garage Kronberg deine Ausbildung als Mechatroniker zu machen und hast im Anschluss noch deine Meisterprüfung abgelegt! Erstmal Herzlichen Glückwunsch, wie kam es dazu?

Clemens Jeßberger: Danke, Danke. Ich habe davor eine kaufmännische Ausbildung gemacht und im Vertrieb gearbeitet. Doch das hat mich nicht wirklich gereizt. Als ich 26 wurde und mich fragte was ich machen möchte, war es irgendwann klar: ich wollte alte Autos reparieren. Das war mehr eine Herzenentscheidung als eine rationale!


Eine mutige Entscheidung! Warum gerade alte Autos?

Ich habe als Teenager in den USA gelebt. Ein Nachbar in New York hatte eine alte Corvette C3 und eine Pontiac Transam. Ich durfte ihm beim Schrauben helfen. Rückblickend war das dilettantisches Gebastel, doch ich hatte Blut geleckt! Das waren die Anfänge, auch wenn meine Mutti immer gerne erzählt, dass ich schon als 2-jähriges Kind gegen sämtliche Autoreifen getreten und gesagt habe: „Guter Reifen, guter Reifen“!


Aber Du wurdest trotz kaufmännischer Ausbildung kein Autoverkäufer, sondern Mechaniker. Bist du direkt in die Oldtimer-Welt eingetaucht?

Ja, ich fragte mich: willst du bei einem 2015er Golf immer wieder die gleichen Bremsen wechseln, oder was machen, was einen gewissen Reiz hat? Da war der Golf ganz schnell raus.


„Es ist noch richtiges Geschraube!“

 

Was fasziniert dich an Oldtimern?

Es ist noch richtiges Geschraube! Man schließt nicht nur den Rechner an und tauscht irgendwelche Teile, sondern arbeitet mit allen Sinnen, um ein Problem einzugrenzen und zu finden. Man kann noch Dinge anfassen, alles zerlegen, alles neu aufbauen. Es besteht die Chance einzelne Komponenten eines Bauteils auszutauschen, auch wenn man sie selbst anfertigen muss. Es ist ehrlich!

 

Clemens Jeßberger bei der Arbeit an einem Oldtimer in der Klassik Garage Kronberg.

Ein kleiner Unterschied zum 2014er Polo – Die Arbeit an einem Jaguar E-Type V12 – Bj. 1975

 

Deine Mechatroniker-Lehre beschäftigte sich mit aktuellen Modellen. Ein Parallel-Universum zur Klassik Garage. Wie schwierig war der permanente Wechsel zwischen den unterschiedlichen Technologien, fiel dir die Theorie durch die Arbeit an der greifbaren Mechanik vielleicht sogar leichter?

Ja, teilweise fiel es mir wirklich leichter. Die grundlegenden Funktionsprinzipien haben sich kaum geändert. Klar, es kam die eine oder andere Zwischenwelle dazu, es ruckelt heute weniger. Schwieriger dagegen war es für mich, das Know-how im Bereich der modernen Fahrzeugelektronik aufzubauen. Die haben wir ja eher sehr selten auf der Bühne. Aber das Know-how hab ich jetzt und werde den Anschluss nicht verlieren.


Ich denke du bewahrst mit deiner Arbeit an Oldtimern ein Know-how, welches am Markt zunehmend verloren geht. Richtig?

Ja, ich sehe das tatsächlich so. Ich kann das Moderne und das Historische on top! Gerade was Vergaser angeht, das interessiert heutzutage kaum noch jemanden. Sowas wurde weder in Berufsschule noch in der Meisterschule erwähnt.

So sieht der Arbeitsplatz von Clemens Jeßberger in der Klassik Garage Kronberg aus.

Clemens Jeßberger fühlt sich wohl zwischen all den Oldtimern in der Klassik Garage Kronberg.

 

„An neuen Autos vermisse ich den Charakter“


Vermisst du etwas an neuen Autos?

An neuen Autos vermisse ich den Charakter.


Den Charakter?! Es gibt doch auch sehr schöne neue Autos, oder?

Es gibt sehr schöne neue Autos, ja. Aber irgendwie ist es halt alles nur noch Windkanal… Sie sehen alle gleich aus, haben super moderne Beleuchtungskonzepte und fangen nach drei Jahren an, kaputt zu gehen. Wenn ich zurück denke an die Mercedes-Modelle der 90er Jahre: W126, W140 oder auch die kleineren Geschwister wie den W124, den ich aktuell habe, das sind Panzer, gebaut um lange zu halten. Wertige Arbeit im Vergleich zum 2014er X3 meiner Eltern, da sollte man lieber nicht drunter schauen. Natürlich ist es beeindruckend, was mit den hochmodernen Materialien umsetzbar ist. Doch nach 5-6 Jahren fangen die Autos an, zu quietschen und zu knarzen. Das überzeugt mich alles nicht.


Doch wenn wir von alten Autos sprechen, die haben ja bekanntlich auch ihre Eigenheiten.

Definitiv. Das ist der Charakter!


Das ist der Charakter?! Hat dich so ein Auto mit Charakter mal den letzten Nerv gekostet?

Das ist ja das Schöne an alten Autos – man findet immer den Fehler. Bei neuen Autos kann es ein Software-Fehler sein. Ich kann keine Nullen und Einsen, die hier diesen Raum füllen würden, mal eben analysieren. Natürlich kann es dir bei alten Autos passieren, dass durch die vielen Vorbesitzer Fremdteile verbaut oder Anlagen stark verändert wurden. Dann funktioniert z.B. in der Elektrik nichts mehr so, wie es sollte, und man sitzt da und möchte das Auto hier in Deutschland einfach nur auf die Straße bringen – das kann ein Riesenaufwand sein und mal nervenaufreibend. Dennoch ist es berechenbar und macht unglaublich viel Spaß!

 


„Man kann noch Dinge anfassen, alles zerlegen, alles neu aufbauen.“

 


Ich glaube, dann erübrigt sich fast meine nächste Frage: Zündschloss oder Knopfdruck?

Ja, die erübrigt sich in der Tat. Ich möchte was drehen!

 

Dein Traumwagen?

Da bin ich tatsächlich auch ein bisschen vorgeprägt durch die Zeit in den USA. Wahrscheinlich wird sich jetzt jeder zweite deutsche Oldtimerfan die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. In meiner Auffahrt werden irgendwann zwei Autos stehen: Die besagte 69er Corvette C3 Stingray und einer der zuletzt gebauten Jeep Grand Wagoneer. Die werden seit knapp 30 Jahre fast unverändert gebaut. Das ist quasi der Urvater der SUVs, geländetauglich und mit sämtlichem Luxus, den man eigentlich aus den amerikanischen Limousinen kannte. Also alles elektrisch: Klima, später sogar Klimaautomatik, Servo, Tempomat… Das war untypisch für SUVs und das macht dieses Fahrzeug für mich so reizvoll, weil es eben auch ein Begründer einer neuen Epoche, eines neuen Zeitabschnittes war. Ja, und ich finde den irgendwie auch schön.