Ein Targa bittet zum Tanz oder: „Little Boy“ is back!

Ein alter 911er Porsche, der irgendwo im Osten von Pennsylvania in einer Scheune schlummert: So in etwa lautet die spärliche Info für Rick, den US-Kontaktmann der Klassik Garage, bevor er sich 2014 auf die verheißungsvolle Spur des vermeintlichen Barn Finds begibt.

Was dann schließlich im Halbdunkel eines heruntergekommenen Gemäuers auftaucht, weckt fürs Erste keine großen Hoffnungen: Zwar handelt es sich tatsächlich um einen raren Targa in S-Version, aber das 1970er Exemplar ist eher ein Burn Find – denn ein Motorbrand hat den Zuffenhausener schon vor langer Zeit schwer gezeichnet…

Ob sich der Sechszylinder jemals wieder von seinem Knockout erholen wird?

Fast vier Jahrzehnte hat der zitronengelbe Targa seitdem im traurigen Zustand vor sich hin gerostet, und das einst schimmernde Blechkleid droht nicht nur an den neuralgischen Stellen nachhaltig zu zerbröseln. Die Brandschäden im Motorraum machen die Sache nicht besser: Das Luftgitter der Haube ist halb weggeschmolzen, so dass der erste Blick quasi direkt in die offenen Ansaugtrichter fällt, deren Filtergehäuse es durch die Hitze offenbar ebenso dahin gerafft hat! Die Bauteile des Boxertriebwerks sind zwar alle noch beisammen, aber ob sich dieser Sechszylinder jemals wieder von seinem heftigen Knock-out erholen kann, scheint auch auf den zweiten Blick fraglich…

 

Der Porsche 911s Targa hat schon bessere Zeiten gesehen.

Wie ein Häufchen Elend: der traurige Targa nach der Rettung aus seinem unwirtlichen Domizil.

 

Etwas erfreulicher zeigt sich immerhin der Innenraum, dem scheinbar Schlimmeres erspart blieb. Armaturen, Lenkrad, das Becker-Radio und alle weiteren wesentlichen Teile des Interieurs sind vorhanden, der Meilen-Tacho zeigt die Zahl 70.674. Dennoch: Die erste Bestandsaufnahme ist ernüchternd, zudem fehlen Dokumente oder Unterlagen, anhand derer sich das Schicksal von Fahrgestellnummer 9110310479 nachvollziehen ließe. Nichtsdestotrotz ist die angedachte Rückhol-Aktion nach „Good old Germany“ nach kurzer Rücksprache mit den Verantwortlichen der Klassik Garage beschlossene Sache – denn mit hoffnungslosen Fällen hat man es hier durchaus des Öfteren zu tun…

Der Targa hält immerhin noch eine Überraschung bereit

Das Live-Bild, das der 911er im Januar 2015 nach seiner Ankunft in Kronberg bietet, unterscheidet sich dann zunächst leider nicht von den Aufnahmen, die Rick in den USA gemacht hat: Der erbärmliche Zustand erinnert spontan an den jenes überraschend in Brandenburg aufgetauchten 901er, der ungefähr zur selben Zeit durch die TV-Sendung „Trödeltrupp“ von sich reden macht. Nur dass in unserem Fall noch eine ordentliche Schippe Rost mehr aus nahezu allen Karosseriebereichen bröselt, sobald man sie inspiziert!

 

Auch die Rückseite des Porsche 911s Targa hat einiges abbekommen.

Ein schöner Rücken – na ja. Nicht nur der Motorbrand hat deutliche Spuren hinterlassen…

 

Immerhin aber hält der Targa noch eine Überraschung bereit, mit der niemand rechnet: Denn während der ersten Schritte der Demontage muss das abgeschlossene Handschuhfach aufgebrochen werden. Darin tauchen etliche vergilbte Papiere auf, mit denen sich zumindest ein Stück weit der Werdegang des 911er nachvollziehen lässt.

Die Kerndaten des Fahrzeugs ließen sich zwar zuvor bereits über die Fahrgestellnummer recherchieren. Doch dank der Dokumente kommt ein Name ins Spiel, der die Historie des 45 Jahre alten Zuffenhauseners in neuem Licht erscheinen lässt. Genauer gesagt ist es jener des amerikanischen Erstbesitzers David Brzezinski – der seinen frisch produzierten 911er im April 1970 höchstselbst in Stuttgart abgeholt hat!

Vom Erfolg der 917 hat David Brzezinski ganz sicher Wind bekommen

Katapultieren wir uns kurz mal zurück ins Frühjahr jenes Jahres, in dem die Marke Porsche ihre bis dato größte Erfolgsstory schreiben soll – Stichwort Le Mans. Der legendäre Sieg des 917 beim 24-Stunden-Klassiker steht zwar noch bevor, aber dank ihrer prächtigen Performance machen die Zuffenhausener Hochleistungs-Sportler schon seit Jahresbeginn Schlagzeilen. Die Zwölfzylinder-Armada zieht auf Rennstrecken rund um den Globus von Sieg zu Sieg, und der Fight zwischen den 512er Werks-Ferrari und den zahlreichen eingesetzten 917 fesselt die Rennsport-Fans immer wieder aufs Neue. In dieser hochdramatischen Phase sind die Boliden der Sportwagen-WM zweifellos auf Augenhöhe mit der Formel 1 – und Porsche kann seinen Ruf als innovative und mit allen Wassern gewaschene Automobil-Manufaktur nachhaltig zementieren.

 

In diesem maroden Zustand befindet sich der Luftfilter des Porsche 911s Targa.

Der Luftfilter ist nur noch zu erahnen – und der Blick in die offenen Ansaugtrichter verheißt nichts Gutes.

 

Dass die Erfolgsstory Begehrlichkeiten bei der potentiellen Kundschaft weckt, ist natürlich der erwünschte Nebeneffekt des ehrgeizigen Engagements, das im Juni 1970 endlich im ersten Le-Mans-Sieg gipfeln soll. Gleich zu Jahresbeginn haben die 917er-Porsche in den USA mit einem Doppelsieg bei den 24 Stunden von Daytona eine phänomenale Vorstellung abgegeben – und ganz sicher hat auch David Brzezinski vom spektakulären Auftritt der Zuffenhausener Wind bekommen.

 

Am Cockpit erkennt man den Porsche-Stil.

Das Interieur des Targa ist immerhin noch typisch Porsche, auch wenn hier vorerst niemand Platz nimmt.

 

Ob der schlagzeilenträchtige Auftaktsieg an der Ostküste Floridas tatsächlich die Entscheidung zum Erwerb eines Porsche beschleunigt, okay, das ist jetzt eher Spekulation. Denn Fakt ist, dass David zu dieser Zeit als Angehöriger der US Air Force bereits in Europa weilt. Zwar ist der 24-jährige Ingenieur in Spanien stationiert, aber die Gelegenheit, sich ein Exemplar direkt in Zuffenhausen abzuholen, ist für den Porsche-Fan höchst verlockend. Noch dazu, weil sich dadurch die Möglichkeit bietet, den Wagen auf einem ausgedehnten Road-Trip in der herrlichen Frühlingssonne durch halb Europa einzufahren…

Der Porsche, den Marie Carmen liebevoll nur „Little Boy“ nennt

Wenn auch die meisten Details von damals längst im Dickicht der Geschichte verloren gegangen sind: Marie Carmen Brzezinski erinnert sich allemal noch gut an jenes Frühjahr. Denn sie hat den 911er ihres Ehemanns David schließlich ein paar Wochen nach dem Stuttgart-Termin per Schiff vom spanischen Bilbao aus nach Norfolk, Virginia überführt!

Die 73-jährige lebt heute mit ihrem ein Jahr jüngeren Mann in Warminster, Massachusetts, und gibt gerne Auskunft über den Porsche, den sie liebevoll nur „Little Boy“ nannte (und dessen Farbton sie seinerzeit auswählte). David dagegen hat mit dem Kapitel 911 abgeschlossen, wie sie sagt – warum, das klären wir gleich…

 

Feierliche Übergabe von Porsche Nummer 150.000.

Werksabholung anno 1970: „Butzi“ Porsche übergibt feierlich Porsche Nummer 150.000.

 

Bei der Auslieferung des Porsche im April 1970 ist sie selbst zunächst noch nicht mit dabei. David wird von seinem Bruder Philip begleitet – der anschließend den Fiat übernehmen muss, mit dem die beiden von Spanien aus nach Stuttgart angereist sind. Wie seinerzeit bei der Werksabholung üblich, steht der zitronengelbe 911 S mit der Fahrgestellnummer 9110310479 bei der Übergabe im Freien.

Auf der Porsche-Homepage gibt’s dazu übrigens ein passendes Archivbild vom Sommer desselben Jahres, auf dem das amerikanische Ehepaar Nurse mit ihrem neuen 911er im Beisein von „Butzi“ Porsche zu sehen ist. Diese feierliche Übergabe geht seinerzeit durch die Presse, weil es sich um das 150.000ste Exemplar handelt, das die Porsche-Fabrik verlässt.

Der fabrikneue Targa sorgt für einen gewissen Adrenalinschub

Doch zurück zu unseren Protagonisten, die zwei Monate zuvor mit ihrem 911er zwar knapp das Rampenlicht verpassen. Aber der fabrikneue Targa mit dem aufgefrischten 2,2-Liter-Triebwerk, das nun stramme 180 PS leistet, sorgt auch so für einen gewissen Adrenalinschub… Der internationale Zulassungsschein mit dem Stempel des Stuttgarter Polizeipräsidiums datiert vom 13. April. Es ist passenderweise der Montag, nach dem die glorreichen 917er aufs Neue für Furore gesorgt haben. Tags zuvor fährt nämlich die von Pedro Rodriguez angeführte Porsche-Meute beim 1000-Kilometer-Rennen von Brands Hatch einen grandiosen Dreifach-Erfolg ein.

 

Der internationale Zulassungsschein für David Brzezinskis Porsche 911s Targa.

Lag jahrzehntelang im Handschuhfach: das Dokument, mit dem David Brzezinski auf große Fahrt ging.

 

Win on Sunday, sell on Monday – in diesem Fall passt das Motto, und mit dem sportlichen Erfolg im Rücken macht sich unser frischgebackener Porsche-Besitzer auf den Weg gen Spanien. Zunächst ein ganzes Stück über die „German Autobahn“ bis zum Grenzübergang Weil am Rhein, dann geht’s weiter Richtung Südfrankreich. Beim Tachostand von 645 Meilen steht in Sorgues in der Nähe von Avignon die vorschriftsmäßige Erstinspektion auf dem Programm – was im Wartungsheft, das jahrelang im Handschuhfach verborgen war, mit dem Zusatz „Valves to do“ vermerkt ist. Das Ventilspiel kontrolliert dann exakt 578 Meilen später die Porsche-Vertretung in Madrid – womit David Brzezinski mit seinem 911er umgerechnet bereits rund 2000 Kilometer zurückgelegt hat.

„David war mit dem Porsche nicht gerade zimperlich“

Dass er seinen Wagen später auch in den USA nicht unbedingt schont, belegt unter anderem die Inspektion einer Werkstatt, die von September 1973 datiert. Stolze 40.286 Meilen (knapp 65.000 Kilometer) protokollierte Porsche-Händler Holbert’s in der dazugehörigen Rechnung – und Ehefrau Marie Carmen erinnert sich, dass ihr Mann seinerzeit nicht eben zimperlich mit seinem Zuffenhausener war. Leider ließ irgendwann auch die gebotene Sorgfalt bei der Wartung des Wagens nach, weshalb es offenbar zu jenem kapitalen Motorschaden kam, der nie repariert wurde.

 

Von dem zitronengelben Lack des Targa ist wenig übrig geblieben.

Der Rost sorgt für ein groteskes Farbenspiel auf dem einst so erfrischend zitronengelben Lack des Targa.

 

Dass der Porsche deshalb für rund 20 Jahre einen Parkplatz direkt auf der Auffahrt der Brzezinskis hatte, auch daran erinnert sich Marie Carmen noch gut. Genauso wie an die vielen Kinder, die auf ihrem Schulweg immer wieder daran vorbei kamen und fasziniert fragten, ob sie das Auto nicht irgendwann mitnehmen könnten… Ernsthaftere Angebote gab’s natürlich auch, aber die Brzezinskis, die mittlerweile drei Kinder hatten, blieben so lange standhaft, bis es Ärger mit der städtischen Behörde gab.

Irgendwann in den Neunzigern – das genaue Datum hat Marie Carmen verständlicherweise verdrängt… – nahm dann ein Schrotthändler den 911er mit, an dem trotz allem ihr Herz hing. Unter dem eher rauen Klima der Ostküste dürfte der wackere Bursche schon damals ordentlich gelitten haben, und was daraus nach noch einmal rund 20 Jahren Stillstand geworden ist, ist eben im Januar 2015 mitten in der Klassik Garage angekommen…

 

Mittlerweile sind die Restaurierungsarbeiten am zitronengelben „Little Boy“ schon fast in der Endphase, und viele Räder haben ineinander gegriffen, damit nichts mehr an den traurigen Zustand erinnert, in dem sich der Targa so lange befand. Welche Herausforderungen die Mitarbeiter der Klassik Garage dabei gemeistert haben, dazu gibt’s demnächst mehr in Teil II der Targa-Story…